| Einführender Artikel zur Suizidalität |
Epidemiologie von Suizid und Suizidversuch[1]
Bettina Weinacker, Armin Schmidtke & Cordula Löhr
1.
Suizidhäufigkeit
In
der Bundesrepublik Deutschland nahmen sich im Jahr 2000 8145 Männer und 2934
Frauen selbst das Leben. Die Suizidziffer (Suizide//100.000 Einwohner) betrug
damit für 2000 für Männer 20,28 und für Frauen 6,97.
Im europäischen Vergleich liegen die Suizidziffern der Männer deutlich
unter dem Mittelwert, die Suizidziffer der Frauen unterscheiden sich kaum vom
Mittelwert.
Die 16 Bundesländer unterscheiden sich deutlich: bezogen auf die Flächenstaaten
ließen sich die höchsten Suizidraten bei den Männern in den neuen Bundesländern
Sachsen, Sachsen - Anhalt und Thüringen ermitteln. Bei den Frauen weisen
Bayern, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein die höchsten Ziffern auf. Die
niedrigsten Ziffern ließen sich sowohl für die Männer als auch für die
Frauen in den Bundesländern Saarland und Nordrhein – Westfalen ermitteln.
Für die Altersverteilung der Suizidziffern findet sich für Deutschland
immer noch das sogenannte „ungarische Muster“, d. h. die Suizidgefährdung
nimmt mit dem Alter für Männer und Frauen signifikant zu (Abbildung 1).
Aktuell sind 35% der Männer, die sich das Leben nehmen, über 60 Jahre, ihr
Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt dagegen nur 20%. Bei den Frauen sind
50% der Suizidenten über 60 Jahre, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt
dagegen nur 27%.
Seit
Mitte der 70er Jahre nehmen die Suizidziffern der Männer und Frauen in
Deutschland ab (Abbildung 2). Der abnehmende Trend betrifft alle Altersgruppen.
Es ist jedoch anzunehmen, dass gerade Suizide alter Menschen aufgrund der
häufigen Verwendung eher „weicher“ Suizidmethoden (z. B. Über- oder
Unterdosierungen der verschriebenen Medikation) nicht als solche erkannt werden
und stattdessen eher der Kategorie der „unklaren Todesursachen“ zugeordnet
werden (Schmidtke & Weinacker, 1991, 1994). Möglicherweise ist daher die
Abnahme der Suizide in dieser Altersgruppe nicht so eindeutig, wie die
statistischen Zahlen ausweisen.
Die Suizidmethode, die am häufigsten angewandt wurde, ist „Erhängen“.
Sie betrug für Männer 57% und für Frauen 39%. Es folgt bei den Frauen die
Methode „Vergiftungen“ mit 23% und bei den Männern mit 11%.
2.
Suizidversuche
Zur
Abschätzung der Suizidversuchshäufigkeit liegen keine offiziellen
statistischen Angaben vor. Zwar wurden früher in einigen Bundesländern Daten
von den Landeskriminalämtern gesammelt, aufgrund der Dunkelziffer ist die
Reliabilität dieser Daten aber niedrig. Von der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) wurde 1985 im Rahmen des Gesundheitsprogramms „Health for All by the
Year 2000; HFA 2000“ ein Projekt zur Erfassung möglichst
wirklichkeitsgetreuer Suizidversuchsraten in Europa initiiert (Schmidtke, 1989).
Die WHO-Stichprobe für Deutschland wurde in Würzburg Stadt und Land erfasst.
Die auf der Basis dieser Stichprobe geschätzten Suizidversuchsziffern für
Deutschland für die Bevölkerung 15 Jahre und älter betrugen für das Jahr
2001 für Männer 108/100.000 und für die Frauen 131/100.000 (vorläufige
Zahlen).
Die Altersverteilung der Personen mit Suizidversuchen ist der der Suizide
entgegengesetzt. Die höchsten Raten sind für die jüngeren Altersgruppen,
besonders bei den weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen zwischen 15 und 30
Jahren, zu ermitteln (Abbildung 3; vgl. z.B. Schmidtke et al., 1996a, b).
Seit
1989 bewegen sich die Zahlen in den Bereichen zwischen 55/100.000 (1992) und
122/100.000 (1996) bei den Männern und zwischen 83/100.000 (1990) und
152/100.000 (1993) bei den Frauen. Über den 10 Jahre umfassenden
Erfassungszeitraum zeigt sich ein leicht ansteigender Trend (etwa ein Drittel).
Nach
wie vor zeigt sich, dass früheres suizidales Verhalten ein bedeutsamer Prädiktor
für weiteres suizidales Verhalten darstellt, v.a. innerhalb von 12 Monaten nach
dem ersten Suizidversuch (vgl. z.B. Diekstra, 1992). In der WHO-Studie ließ
sich über den gesamten untersuchten Zeitraum ermitteln, dass 38% der Männer
und 46% der Frauen mehr als einen Suizidversuch unternommen hatten. Bei fast der
Hälfte der Personen lag die Zeit zwischen zwei Suizidversuchen unter zwölf
Monaten.
Bei den Suizidversuchsmethoden überwiegen insgesamt „weiche“ Methoden (Vergiftungen) mit 59% der Männer und 78% der Frauen (WHO-Studie). An zweiter Stelle folgt die Methode „schneidende/stechende Gegenstände“ (Männer 23%; Frauen 14%).
Die vom Behandler beurteilte Intention des Suizidversuchs kovariiert
signifikant mit dem Alter (Schmidtke et al., 1994).
Während in den jüngeren Altersgruppen bei beiden Geschlechtern mehr
Suizidversuche nach der Klassifikation von Feuerlein (1971) als „parasuizidale
Pause“ oder „Geste“ beurteilt werden, werden bei den älteren Personen
signifikant mehr suizidale Handlungen als „Suizidversuch im engeren Sinne“
beurteilt. Männer unternehmen dabei mehr „Suizidversuche im engeren Sinn“
als Frauen.
Das Risiko, suizidale Handlungen zu unternehmen, ist bei verschiedenen psychiatrischen Störungen deutlich erhöht (Clark & Fawcett, 1992; Fricke et al., 1995). In der WHO-Studie wurde eine Diagnose in 79% der Fälle erhoben. Bei den übrigen Patienten lag entweder keine psychiatrische Erkrankung vor oder die Patienten wurden von einer Person exploriert, die keine psychiatrische Diagnose stellte.
Die häufigsten Diagnosen, die bei Personen mit Suizidversuch gestellt
wurden, waren bei Männern „Anpassungsstörungen“ (23%), „affektive
Psychosen“ (17%) und Suchterkrankungen (15%). Bei den Frauen waren die am häufigsten
gestellten Diagnosen ebenfalls „Anpassungsstörungen“ (22%) und „affektive
Psychosen“ (20%). Die dritthäufigste Diagnosegruppe bildeten die „Neurosen
und Persönlichkeitsstörungen“ (19%).
Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen sind besonders gefährdet, mehrere Suizidversuche zu unternehmen (Asnis et al., 1993; Petronis et al., 1990). Auch in der WHO-Studie findet sich der höchste Prozentsatz an mehrfachen Suizidversuchen in der Gruppe der Patienten mit schizophrenen Psychosen. Aber auch bei Patienten mit affektiven Psychosen, mit einer Suchtdiagnose und bei Neurosen und Persönlichkeitsstörungen findet sich ein erhöhtes Risiko für wiederholte Suizidversuche. Bei Patienten mit akuten Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen findet sich dagegen häufiger nur ein Suizidversuch, der vermutlich oft zu dieser Diagnose geführt hat.
Bei Personen, die Indikatoren sozialer Instabilität aufweisen, besteht
ein erhöhtes Risiko für suizidale Handlungen, wie epidemiologische Befunde in
Deutschland und auch in anderen europäischen Staaten (Kerkhof et al., 1994)
ergaben. So findet sich ein erhöhtes Risiko für Geschiedene und Alleinlebende,
sowie bei Personen nach einem Zusammenbruch der sozialen Infrastruktur (Diekstra,
1989). Die Ergebnisse der WHO-Studie ergaben in der Gruppe der Personen mit
Suizidversuch, dass 51% der Männer und 47% der Frauen nie verheiratet waren.
Geschieden und getrennt Lebende machten zusammen bei den Männern nur noch 14%
und bei den Frauen nur noch 17% aus. Verheiratete waren bei den Männern und
Frauen jeweils zu 29% betroffen.
Ein ähnliches Ergebnis ergibt sich auch, wenn die
Haushaltszusammensetzung zum Zeitpunkt des Suizidversuches überprüft wird. Ein
nicht unerheblicher Anteil von Personen lebt zum Zeitpunkt des Suizidversuchs
nicht sozial adäquat integriert. Rund ein Viertel der Personen lebt allein,
5% der Männer und Frauen leben in einer Institution.
Vergleicht man die Haushaltszusammensetzung zum Zeitpunkt des
Suizidversuches mit der üblichen Lebenssituation, so finden sich bei 14% der Männer
und 9% der Frauen vor dem Suizidversuch ein Wechsel der Situation, oft von einer
integrierten Form zu einer nicht integrierten Form wie z.B. ein Wechsel vom
Zusammenleben in der Familie zum Alleinleben.
In der WHO-Studie wurde auch ermittelt, dass knapp 70%
der erfassten Personen im Stadtgebiet (Würzburg) wohnten, obwohl die Stadtbevölkerung
nur die Hälfte des Erfassungsgebietes
ausmacht.
Suizidversuche sind in den unteren Schichten häufiger zu finden (Arensman et al., 1995; Hawton et al., 1994). Dies zeigen auch die Ergebnisse der WHO-Studie. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind Personen mit niedriger Schulbildung sowie Personen ohne Berufsbildung bzw. niedriger Berufsausbildung überrepräsentiert. Bei diesen Befunden ist allerdings zu bedenken, dass die Angehörigen der unteren Schichten häufiger hospitalisiert werden, und Suizidhandlungen in der Oberschicht häufiger kaschiert werden können (Heinrich, 1980).
Ein weiterer Risikofaktor für suizidales Verhalten ist Arbeitslosigkeit (Kerkhof, et al., 1994). In der WHO-Studie waren 18% der Männer und 9% der Frauen, die einen Suizidversuch unternahmen, zu diesem Zeitpunkt arbeitslos.
3.
Diskussion
Die
Zahl der Menschen, die sich in der Bundesrepublik jährlich selbst das Leben
nimmt, ist immer noch deutlich höher als die der Verkehrstoten
Im europäischen Vergleich liegen die Suizidziffern Deutschlands im
Mittelbereich. Innerhalb Deutschlands zeigt sich vor allem bei den Männern ein
deutlicher Ost-West-Gradient, mit traditionell erhöhten Suizidziffern in
Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Aufgrund der niedrigeren Absolutzahlen
schwankt die Länderverteilung bei
Frauen stärker. Sachsen-Anhalt, Bayern und Schleswig-Holstein weisen bei den Flächenstaaten
die höchsten weiblichen Suizidraten auf. Diese Unterschiede sind nicht auf
unterschiedliche Altersstrukturen zurückzuführen (Schmidtke & Weinacker,
1994).
Für die einzelnen Altersgruppen ist festzustellen, dass Suizide bei
Kindern sehr selten sind, bei Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen waren und
sind sie nach Unfällen jedoch die häufigste Todesursache (Hasselkus, 1988;
Schmidtke et al. 1996b).
Suizide im Alter sind wesentlich häufiger als in den jungen
Altersgruppen, wenn auch der prozentuale Anteil an den Gesamttodesursachen zurückgeht.
Die Suizidziffern folgen somit in der Bundsrepublik nach wie vor dem sogenannten
„ungarischen“ Muster, d.h. für die alten Altersgruppen ist ein wesentlich höheres
Suizidrisiko als für die jüngeren festzustellen.
Durch die Veränderung der Alterspyramide und des dadurch zu erwartenden
weiteren Ansteigens des Anteils älterer Altersgruppen werden die Absolutzahlen
von Suiziden älterer Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit zunehmen, auch wenn
sich innerhalb der einzelnen Altersgruppen das Suizidrisiko nicht ändert. Es
sollten daher entsprechende Suizidpräventionsmaßnahmen für diese Altersgruppe
gefördert werden (vgl. Diekstra, 1992; McIntosh, 1992).
Im Vergleich zum Beginn der 70er Jahre sind die offiziellen Suizidziffern
für die Gesamtbevölkerung und die meisten Altersgruppen in den letzten Jahren
zurückgegangen, obwohl eine längere Lebenserwartung zu berücksichtigen ist
(Kuratorium Deutsche Altershilfe, 1989). Diese Veränderungen sind jedoch nur
vorsichtig zu bewerten. Bei den jüngeren Altersgruppen kann man z.B. annehmen,
dass sich unter den Drogentoten ein nicht unerheblicher Anteil von Suiziden
versteckt. Dies betrifft aufgrund der Alters- und Geschlechtsverteilung der
Drogentoten vermutlich besonders jüngere Männer (Kreuzer et al., 1981).
Außerdem sind die Abnahmen der Suizidziffern vor allem im Alter aufgrund
von Veränderungen der Todesursachenklassifikation vorsichtig zu bewerten. Die
Abnahme der Suizidziffern gehen nämlich mit einem Ansteigen der „unklaren
Todesursachen“ einher (Schmidtke & Weinacker, 1991, 1994).
Vergleicht man die Suizidversuchsraten mit anderen europäischen Centers,
so liegt das deutsche Erfassungsgebiet im unteren Drittel (Schmidtke et al.,
2002c).
Die Altersverteilung der Personen mit Suizidversuchen ist der der Suizide
entgegengesetzt. Die höchsten Raten sind für die jüngeren Altersgruppen,
besonders die weiblichen Altersgruppen zwischen 15 und 30 Jahren, zu ermitteln
(vgl. z.B. Schmidtke et al., 1996a,b, 2002c).
Soziale Instabilität und Armut sind nach Befunden in verschiedenen Ländern
– auch Deutschland - bedeutende Risikofaktoren für suizidales Verhalten (vgl.
z. B. Arensman et al., 1995; Breitmaier
et al., 1986; Diekstra, 1989;
Haberhauer & Fries, 1991; Häfner,
1998; Kerkhof et al., 1994;
Mösler, 1992; Mösler et al., 1991; Petronis
et al., 1990;
Welz, 1979, 1981, 1982; Schmidtke et al., 2002a).
Personen,
die einen Suizidversuch unternommen haben, leben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung
häufiger in der Stadt als auf dem Land. Die Suizidversuchsraten von
geschiedenen und ledigen Personen sind deutlich höher als die von
verheirateten, gefährdet sind eher Personen mit niedriger Schul- und
Berufsausbildung sowie Arbeitslose.
Ein weiterer bedeutender, wenn nicht der bedeutendste Risikofaktor für
die Durchführung suizidaler Handlungen ist eine psychische Erkrankung. Clark
und Fawcett (1992) weisen darauf hin, dass Suizide bei Personen ohne psychische
Störungen selten seien. Insbesondere bei affektiven und schizophrenen Psychosen
sowie bei chronischem Alkoholismus findet sich ein hohes Suizidrisiko. Bei
Personen die einen Suizidversuch unternahmen, finden sich häufiger
nicht-psychotische Störungen wie Neurosen und Persönlichkeitsstörungen, aber
auch bei affektiven Psychosen ist das Suizidversuchsrisiko erhöht (Dyck, et
al., 1988). Dafür sind vermutlich mehrere Faktoren verantwortlich,
Risikofaktoren aufgrund der Krankheit selbst, aber auch Folgeerscheinungen im
sozialen Bereich (zus. Schmidtke, 1988).
Frühere suizidale Handlungen sind auch ein wesentlicher Risikofaktor für
weitere Suizidversuche und Suizid (Rygnestad et al., 1992). Auch in der
WHO-Studie hat ein nicht unerheblicher Prozentsatz von Personen mehr als einen
Suizidversuch unternommen (in der Vergangenheit oder während des
Erhebungszeitraumes), bei etwa der Hälfte der Personen lag die Zeit zwischen
zwei Suizidversuchen unter zwölf Monaten. Im Vergleich zu Befunden aus den
achtziger Jahren (Schmidtke et al., 1988) nehmen die Wiederholungsraten ab. Möglicherweise
liegt dies an der Verbesserung der Versorgung (Schmidtke et al., 2002b)
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Abbildungen:
Abbildung
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Abbildung
2: Langfristiger Trend der Suizidziffern in der Bundesrepublik Deutschland,
2000. Datenquellen: Statistisches Bundesamt Bonn und Wiesbaden.
Abbildung
3: Suizidversuchsziffern in den einzelnen Altersgruppen, 2001. Datenquelle:
WHO/EURO Multicentre Study on Suicidal Behaviour, Würzburger
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als Hilfe in L