Stellungnahme zu Euthanasie

 

 

 

Dignitas gefährdet Bestrebungen zur Suizidprävention in Deutschland -

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS)

 

Hamburg 27.10.2005

 

Am 26. September 2005 hat die Schweizer Sterbe- und Suizidhilfeorganisation Dignitas eine Filiale in Deutschland eröffnet. Damit verschafft sich Dignitas eine noch bessere Ausgangs­basis auf seinem Hauptmarkt Deutschland, aus dem bislang schon über 50% seiner Kunden kommen. Der Generalsekretär von Dignitas, Herr Minelli, verweist folgerichtig in seiner Erklärung im Stile einer Marktanalyse auf eine breite Zustimmung zur Sterbehilfe von über 70% der Bevölkerung einerseits sowie auf die Politik, die diesem Bedürfnis der Bevölkerung nicht entgegenkommt, andererseits. Er bietet sich öffentlichkeitswirksam als Dienstleister an, diesem Bevölkerungsbedürfnis Rechnung zu tragen. Dignitas spielt mit den Ängsten der Menschen vor einem schrecklichen Tod und betreibt keine Aufklärung.

Dignitas verweist zu Recht auf Mängel in der Behandlung, Betreuung und Begleitung Sterbender in Deutschland. Die Möglichkeiten der Palliativmedizin sollten weiter entwickelt werden, ein Ausbau von Hospizen in Deutschland ist notwendig. Eine Aufklärung und Beratung über bestehende Möglichkeiten in Deutschland, Sterbewillige an durchaus vorhandene kompetente Ärzte und Einrichtungen der Palliativmedizin zu vermitteln, scheint nicht stattzufinden. Als Ausgleich dieser Mängel, den Tod anzubieten, halten wir für zynisch.

Herr Minelli und Dignitas begründen ihre Tätigkeit mit falschen Angaben und generalisieren laienpsychologische Theorien, Vorstellungen und Verdrehungen, die einer wissen­schaft­lichen Überprüfung nicht standhalten. Dignitas verbreitet falsche Vorstellungen über Suizidprävention und deren Behandlung.

1.  Herr Minelli schreibt: "Die heutige Suizidprophylaxe geht von dem Ansatz aus, Suizid dürfe nicht sein" und verweise damit den Suizid in den Tabubereich.

Richtig ist: Die professionelle Suizidprävention in Deutschland akzeptiert den Suizid als eine menschliche Möglichkeit. Sie kennt aber auch die Verzweiflung und innere Not vieler Suizidaler, aus der sie sich aus eigener Kraft nicht befreien können. Voraussetzung einer Behandlung von Suizidgefährdeten ist es, die suizdalen Gedanken der Betroffenen ernst zu nehmen und ihre Autonomie nicht zu gefährden.

2. Herr Minelli schreibt, wenn jemand mit einem Arzt über seine Suizidgedanken spreche, "muss er vergegenwärtigen, in eine geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Einrichtung eingewiesen zu werden. Dem Arzt drohe sonst nämlich eine strafrechtliche Anklage, er könne auch zivilrechtlich für Schadenersatz in Anspruch genommen werden. Ergebnis: Eine suizidgefährdete Person wird ihre Probleme mit keinem anderen Menschen besprechen können".

Richtig ist: Bei 96 bis 99% dieser Klientel wäre eine stationäre psychiatrische Einweisung gegen ihren Willen ungesetzlich und widerspricht der alltäglichen Wirklichkeit in Deutschland. Nur in sehr seltenen Fällen sind geäußerte Suizidgedanken Ausdruck einer schweren psychischen Erkrankung, die nicht einer Einweisung zuzuleiten sich auch Herr Minelli strafbar machen könnte. Mit dieser Behauptung zerstört Herr Minelli das Vertrauen zu Ärzten und anderen Therapeuten und erschwert es seinen potentiellen Zuhörern oder Lesern, sich in Notsituationen professionelle Hilfe zu suchen.

3. Dignitas betreibt weder Aufklärung über die Suizidproblematik noch Suizidprävention. Dignitas macht aggressiv Werbung für Dignitas. Eine Plakatkampagne über die Gefährlichkeit von konkreten Suizidmethoden mit dem Hinweis auf Dignitas ist aus wissenschaftlicher Sicht hinsichtlich Suizidprävention laienhaft und fördert eher das Suizidproblem. Anlässlich der Gründung von Dignitas-Deutschland weist Herr Minelli z.B. öffentlich auf die aus seiner Sicht sicherste Suizidmethode in Deutschland hin, was zeigt, wie gefährlich das Wirken von Dignitas für Suizidprävention ist.

4. Das von Herrn Minelli beschriebene "Dampfkesselmodell" ist unwissenschaftlich: Er behauptet, dass durch das potentielle Erlangen eines Suizidmittels Suizide verhindert würden. Herr Minelli illustrierte das auf einer Tagung im April 2004 in Dresden mit einem Beispiel, bei dem eine fatale Unkenntnis über die Beschaffenheit psychischer Probleme offensichtlich wurde, die er durch laienhafte psychohydraulische Vorstellungen ersetzte. Nicht nur, dass eine vermutliche Trauerreaktion als "Liebes­kummer" etikettiert wurde; es wurde auch in Kauf genommen, dass eine potentiell pathologisch verlaufende - aber behandelbare - Trauer­reaktion zum verholfenen Suizid führen kann. Eine therapeutische Hilfe wurde anscheinend nicht erwogen.

Dignitas missbraucht ein bekanntes psychisches Phänomen: Die Verfügbarkeit über ein Suizidmittel und die tröstliche Phantasie der Möglichkeit des Suizids kann einige Menschen über krisenhafte Situationen hinwegtragen, für andere jedoch steigt das Risiko des Suizids.

5. Bei der Aufzählung der 100 Todesfälle im Dignitas-Jahresbericht 2003 lassen viele dieser beschriebenen Todesfälle die Frage entstehen, ob in Deutschland vorhandene Hilfs- und Behandlungsmöglichkeiten für einen würdigen Tod oder ein würdiges Leben ausgeschöpft worden sind. Darüber hinaus bleibt die Frage offen, ob in den meisten Fällen die psychischen Aspekte des Leidens der Todeskunden von Herrn Minelli seriös berücksichtigt wurden.

Resultat: Dignitas gefährdet vorhandene Bestrebungen zur Suizidprävention in Deutschland durch die in seinen Beiträgen vorgetragene Verherrlichung des Suizids, unseriöse Öffentlichkeitsarbeit und aggressives Marketing. Dignitas leistet in diesem Rahmen auch keinen sachlichen Beitrag zur Diskussion über die Sterbehilfe in Deutschland.

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention

 

 

 

Zur Relation von Suizidprophylaxe und Sterbehilfe siehe auch 12 Thesen und Kommentare der DGS hier --> Download Pdf-Dokument.

 


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